Für die Opfer der Shoa
(Wien 3.- Landstrasse)
Zeitzeugen
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23. Juli 2011:
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Bericht Lotte FEUCHTBAUM, 1999
Mein Name ist Lotte Waxmann, geborene Feuchtbaum.
Ich habe, solange ich in Wien war, im Haus Hetzgasse 10 gewohnt. Ich wurde am 3. Oktober 1924 geboren und besuchte die Volksschule in der Kolonitzgasse und dann vier Jahre die Realschule in der Radetzkystraße. Danach ging ich für ein Jahr in der Kautetzky-Sprachschule im 1. Bezirk.
Ich bin die Tochter von Salomon und Judith (Josefine) Feuchtbaum. Mein Vater war Fotograf. Wir hatten ein Atelier in 3. Landstraßer Hauptstraße 21 und ein zweites im 4. Bezirk, Wiedner Hauptstraße 35. Ich habe einen Bruder, der um zwei Jahre älter ist als ich, und wir führten ein sehr schönes und zufriedenes Leben. Meine Mutter half meinem Vater im Atelier. Daheim hatten wir einen sehr lieben Menschen namens Hedi, die für uns alle gesorgt hat. Ich erwähne sie, weil sie für unsere Familie sehr wichtig war.
Ich versuche nun die Jahre zwischen 1924 und 1938 zu schildern. Mit vier Jahren kam ich in einen Kindergarten, der nahe der Lände war. Die ersten acht Sommer meines Lebens haben wir in Italien verbracht, weil mein Bruder sehr schwach war, und der Arzt für ihn Salzwasserkuren am Adriatischen Meer empfahl. Meine Mutter fuhr später mit uns allein, nachdem mein Vater, der das Geschäft nicht so lange schließen wollte, nach einigen Jahren nicht mehr mitfuhr.
Während des Schuljahres gingen wir im Winter, nachdem wir unsere Hausaufgaben gemacht hatten, auf den Wiener Eislaufvereinsplatz eislaufen. Mein Bruder spielte Hockey und ich lernte Kunstlaufen.
Die Zeit im Sommer, wenn wir nicht verreist waren, waren wir oft im Stadionbad im Prater, wir wohnten ja in der Nähe
Das war ein herrliches, sorgloses Leben, wir waren alle sehr glücklich. Wir wussten, was sich in Deutschland ab 1933 abspielte, wie sich die Situation der Juden in Deutschland immer mehr verschlechterte, aber irgendwie dachte man wohl, daß das bei uns in Österreich nicht geschehen könne. Wir waren wirklich nicht beunruhigt, was aber notwendig gewesen wäre, denn was dann Hitler in fünf Monaten in Österreich verursachte, dazu hatte es fünf Jahre in Deutschland gebraucht.
Die ganze Familie meines Vaters und ein Bruder meiner Mutter lebten in Wien. Wir wußten, daß unsere Tante in Saarbrücken ihre drei Kinder ins Ausland geschickt hatte. Zwei fuhren damals nach Palästina und eine Tochter ging nach Amerika. Meine Mutter war so traurig darüber, daß die arme Tante nun ihr Leben ohne ihre Kinder führen musste. Sie hatte es damals nicht geahnt, daß das bald auch ihr Schicksal sein werde.
Dann kam der März 1938 und die Hölle ging los. Unsere Geschäfte bekamen arische Verwalter; niemand konnte etwas dagegen machen. Meine Eltern wurden ebenso wie viele unserer Bekannten zum Reiben und Waschen der Gehsteige geholt. Nun bekamen es alle mit der Angst zu tun, niemand wusste genau, was zu tun sei und jeder wollte weg, nur weg ins Ausland. Aber wir hatten niemanden, der für uns im Ausland bürgen konnte
Ich erinnere mich, daß mein Bruder und ich zum amerikanischen Konsulat gingen, um dort nach Personen in den USA mit dem Namen Singer zu suchen, weil meine Mutter eine geborene Singer war. Nach Personen mit dem Namen Feuchtbaum suchten wir nicht, weil wir meinten, daß das nicht einfach wäre. Wir fanden einige Singer in New York, Los Angeles und in anderen Städten. Dann wurden Briefe geschrieben, in denen wir fragten, ob sie vielleicht mit uns verwandt mit uns wären; wir haben aber nie eine Antwort bekommen.
Meine Mutter hatte eine Kusine in Schweden und einen Onkel in England. Den Onkel fragte sie brieflich, ob er meinem Bruder helfen kann, der damals schon 16 war. Der Onkel schrieb dann, daß er versuchen werde, meinem Bruder zu helfen. Die Kusine in Schweden bat meine Mutter, mir zu helfen und erhielt die Antwort, daß Schweden leider keine Emigranten mehr ins Land lässt
Die ganze Welt war für uns verschlossen, niemand wollte nun die verarmten Juden – die Nazis hatten verboten, daß jüdische Emigranten aus Deutschland und Österreich Geld mitnehmen dürfen – aufnehmen, weshalb es nun immer schwieriger wurde, aus dem Land zu kommen.
Schließlich kam der 10. November. Ich brauche die schrecklichen Ereignisse nicht zu beschreiben, weil jeder weiß, was da passierte. Das einzig Gute daran war, daß nun die ganze Welt aufwachte. Mein Vater ging am 10. November in der Früh von der Hetzgasse zur Landstraßer Hauptstraße 21. Er ging zeitig früh wie immer, weil er gewohnt war, so früh wie möglich mit der Arbeit im Atelier zu beginnen, und als er hinkam, sagte ihm Herr Sekira, der Hausbsorger: „Herr Feuchtbaum, gehen sie nicht ins Atelier; die SA ist oben, sondern gehen sie sofort nach Hause.“ Mein Vater kam heim und berichtete alles. Meine Mutter sagte zu uns: „Kinder, bitte geht ihr ins Atelier. Euch wird man nichts antun. Ich habe eine Kunde, die für den Geburtstag ihres Mannes Fotos machen ließ. Diese Bilder sind schon fertig. Die Dame wird die Bilder abholen wollen.“ Das war von ihr natürlich völlig falsch, aber mein Bruder und ich gingen ganz brav zum Atelier. Dort war alles ruhig, niemand kam ins Geschäft, wahrscheinlich weil alle möglichen Kunden wussten, daß die jüdischen Geschäfte geschlossen bleiben, ja, manche von ihnen sogar zerstört worden waren. Vor den meisten jüdischen Läden lag das Glas der zerbrochenen Schaufensterscheiben auf dem Gehsteig.
Das Atelier meines Vaters befand sich im 5. Stockwerk des Hauses. Man kam zuerst in ein kleines Vorzimmer, dahinter lag ein großer Warteraum mit Tischchen und Sesseln. An den Wänden hatte mein Vater ausgewählte Fotos in Rahmen und unter Glas aufgehängt, damit die Kunden sehen sollten, welche Qualität seine Arbeit hat. In einem offenen Kasten standen die gesammelten Werke klassischer österreichischer und deutscher Autoren. Hinter diesem großen Zimmer befand sich einerseits der Raum, wo mein Vater fotografierte und anderseits die Dunkelkammer.
Nach ungefähr zwei Stunden kamen zwei SA-Männer und fragten nach meinem Vater. Nachdem wir ihnen gesagt hatten, daß er nicht da sei, nahmen sie die Bilder von den Wänden und warfen sie eins nach dem andern zu Boden. Wir hatten uns in eine Ecke gedrängt und schauten hilflos und völlig verschreckt dem Treiben zu. Als die beiden Männer mit den Bildern fertig waren, die nun alle zerrissen und unter Glasscherben und zerbrochenen Rahmen auf dem Fußboden lagen, wandten sie sich den Büchern zu. Jedes wurde zerfetzt und zu den zerstörten Bildern geschmissen. Nun machten sie sich über die zarten Sitzmöbel her, von denen sie Beine und Rückenlehnen abbrachen. Die beiden SA-Leute arbeiteten ungefähr eine Stunde schwer und kamen ins Schwitzen. Ohne zu uns ein Wort zu sagen, verließen sie schließlich das Atelier. Wir waren über die Verwüstung entsetzt, so etwas hatten wir in unserem kurzen Leben noch nie erlebt.
Weil wir dachten, daß sich die Kundin nicht ins jüdische Atelier zu gehen getrauen würde, verließen auch wir das Haus und liefen nach Hause in die Hetzgasse.
Dort sahen wir unsere Eltern, die beide aufgeregt schienen, vor unserer Wohnungstüre im ersten Stock mit einer Nachbarin, der Frau Hofmann, aus dem vierten Stock sprechen. Als wir näher kamen, hörten wir, wie sie sagte, daß die Juden nun kein Recht mehr hätten, in schönen Wohnungen zu leben, weshalb wir bis morgen ausziehen müssten. Dann ging sie wieder in ihre Wohnung zurück.
Dasselbe passierte unseren Nachbarn, der Familie Austein, die nicht nur hier wohnte, sondern denen auch das Haus gehörte.
Nach einigem Überlegen nahm mich meine Mutter an der Hand, ging zur Frau Hofmann und fragte, wohin wir denn gehen sollten, wenn wir ihr unsere Wohnung überließen. Ganz ruhig antwortete diese: „Na, im Donaukanal gibt’s doch genug Platz für euch alle.“
Es half nichts, sowohl wir als auch die Familie Austein mussten nach zwei Tagen gemeinsam in eine Wohnung in der Blütengasse 9 übersiedeln. Wie mein Vater und Herr Austein zu dieser Wohnung kamen, weiß ich heute nicht mehr.
Wir wohnten nun sehr beengt, hinzu kam, daß wir alle uns nur selten aus dem Haus wagten. Die Privatschule, die ich besucht hatte, war geschlossen, weil die Besitzerin Jüdin war.
Dann kam die Nacht vom 9. zum 10. November, die man heute als „Kristallnacht“ bezeichnet. Es war schrecklich! Das Brüllen der Nazis auf der Straße drang durch die geschlossenen Fenster zu uns herein, und alle fürchteten, daß jetzt und jetzt gegen die Türe gehämmert würde, bis es dann schließlich so weit war. Mein Vater öffnete die Türe, alle anderen drängten sich im kleinen Vorzimmer zusammen. Draußen standen vier SA-Männer, die meinen Vater zur Seite stießen und hereinkamen. „Feuchtbaum, Austein, fertig machen. Ihr kommt mit!“ Niemand von uns getraute sich auch nur ein Wort zu sagen, Herr Austein und mein Vater schlüpften eilends in Schuhe, in eine Jacke und einen Mantel, während einer der Uniformierten immer wieder rief: „Rascher, rascher, ihr Saujuden!“
Der Albtraum hatte nicht einmal zwei Minuten gedauert. Nun waren Frau Austein, meine Mutter und wir Kinder allein. Am nächsten frühen Morgen machten sich die beiden Frauen auf den Weg, um ihre Männer zu suchen, während wir Kinder in der Wohnung blieben.
Sie erzählten uns später, daß sie zuerst ins nächste Polizeiwachzimmer gegangen waren. Dort riet man ihnen, in den Sophiensälen nachzufragen. Und tatsächlich fanden sie dort sowohl Herrn Austein als auch meinen Vater. Die beiden mussten etwas unterschreiben und durften dann mit ihren Frauen heimgehen.
Bei allem Bösen, das in dieser Nacht angerichtet wurde, hatte sie für unsere Familie doch etwas Gutes. Die ganze Welt hatte von den Ereignissen erfahren. Und so erhielt meine Mutter wenige Tage später zwei Briefe; einer kam von ihrem Onkel aus England und der zweite von ihrer Kusine aus Schweden. In beiden wurde meine Mutter gefragt, ob sie bereit sei, meinen Bruder nach England und mich nach Schweden zu schicken. Meine Mutter schickte sofort je ein Telegramm nach England und nach Schweden und bedankte sich für die angebotene Hilfe. Meine Eltern reichten auch noch im November um Visa für meinen Bruder und mich ein. Dann kam der erwartete Brief aus England und einige Tage später hatte mein Bruder das Visum. Am 1. Februar 1939 war es dann so weit. Meine Eltern und ich, ein Onkel, der vor wenigen Tagen aus Buchenwald entlassen worden war begleiteten Simon. zum Westbahnhof. Unsere treue Hedi, die schon seit September 1938 nicht mehr für uns arbeiten durfte, hatte es sich nicht nehmen lassen, ebenfalls zu kommen, um sich von meinem Bruder zu verabschieden. Es war für mich furchtbar, mich von meinem Bruder verabschieden zu müssen, aber noch viel mehr litten wohl meine Eltern. Für meinen Bruder war es ebenfalls schlimm, weil er ja den Mann, zu dem nun fahren musste nie zuvor gesehen hatte. Nur meine Mutter konnte sich dunkel an ihn erinnern.
Als wir traurig heimkamen, fand mein Vater einen Brief von der Kultusgemeinde, in dem stand, daß ich am darauf folgenden Samstag mit einem Kindertransport nach Stockholm gebracht werden soll. Als meine Mutter das gelesen hatte, sagte sie: „Nein, Lottie lasse ich nicht fahren. Niemand kann von mir verlangen, dass ich meine beiden Kinder innerhalb einer Woche verlieren soll.“ Ich war über die Worte meiner Mutter nicht traurig, weil ich ohnedies nicht dort hinauf in den kalten Norden fahren wollte. Ich stellte mir vor, daß in Schweden die Eisbären auf den Straßen herumspazieren.
Meine Mutter ging am nächsten Tag zur Kultusgemeinde und erklärte dort, warum sie mich nicht in wenigen Tagen fahren lassen wollte. Man verstand sie dort, machte sie aber darauf aufmerksam, daß meine Eltern die Reisespesen selbst tragen müssten, wenn ich nicht mit dem Transport am Samstag sondern später privat fahren würde. Es verkehrte damals nämlich nur jeden Samstagabend ein Zug zwischen Wien und Stockholm.
Nun war ich also wieder daheim. Jede Woche fragte mein Vater meine Mutter, ob ich am nächsten Samstag fahren würde, aber sie lehnte das jedes Mal ab. Erst nach sechs Wochen konnte sie sich dazu überwinden, mich fahren zu lassen. Und das kam so. Am Mittwoch dieser Woche kam sie heim und warf die Fahrkarte nach Stockholm auf den Tisch und sagte zu meinem Vater: „Am Sonntag spricht Mussolini im Radio, Du wirst sehen, es gibt Krieg. Und wenn der am Sonntag beginnt, ist Lottie bereits mit dem Zug auf schwedischem Boden.“
Alle meine ehemaligen Schulfreundinnen schienen schon im Ausland zu sein, viele waren nach England, andere nach Amerika und einige auch nach Schweden gebracht worden.
Und dann kam dieser schreckliche Samstag. Als wir auf den Bahnhof kamen, wartete dort schon Hedi auf uns, um sich auch von mir zu verabschieden. Sie nahm mich zur Seite und beschwor mich: „Du darfst nicht weinen, weil wenn du weinst, weiß ich nicht, wie ich Deine Eltern nach Hause bringen soll.“
Als der Zug einfuhr, stieg ich ein, öffnete ein Fenster und schaute zu meinen Eltern hinunter, die auf dem Bahnsteig standen. Es war das erste Mal, daß ich allein wegfahren sollte. Und dann sah ich, daß mein Vater weinte, ich hatte ihn noch nie weinen gesehen. Meine Mutter schaute zur Seite und rührte sich nicht. Ich blickte Hedi an und sie mich.
Ich dachte an das Versprechen, das ich Hedi gegeben hatte und versuchte nicht zu weinen. Um 8h00 abends sollte der Zug abfahren, aber es wurde 8:00, aber er fuhr nicht. Ich stand beim Fenster und hielt die Hand meiner Mutter, die sie mir entgegengestreckt hatte. Und so standen wir schweigend da, sie draußen, ich im Coupé. Der Zeiger der Perronuhr schlich langsam weiter und schließlich war es 8 Uhr 45. Ich war ganz verzweifelt und fürchtete, das Versprechen, das ich Hedi gegeben hatte, nicht halten zu können. „Warum fährt denn der verfluchte Zug nicht.“, dachte ich. In diesem Augenblick sagte meine Mutter: „Der Lokomotivführer weiß, daß ich mich von meiner Tochter verabschieden muss, weshalb er mir noch einige Minuten schenkt.“
In diesem Augenblick ruckte der Zug an und begann zu fahren. Die letzten Worte meiner Mutter werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen.
Am Sonntagmorgen war ich in Berlin, wo ich einige Stunden auf den Schwedenexpress warten musste. In Schweden kam ich zu einer Familie, die sich bereit erklärt hatte, Flüchtlingskinder zu übernehmen. Schon am 22. Februar 1939 hatte meine Mutter einen Brief an meine spätere Pflegemutter geschrieben.
„Sehr geehrte Familie Herschan! Ich erhielt vom Komitee in Stockholm ein Schreiben, in dem sie mir mitteilen, daß sie, sehr geehrte Familie, meine Tochter Lotte in ihrem Haus aufnehmen. Wie dankbar ich für Ihre edle Tat bin, kann ich in Worten gar nicht ausdrücken. Ich hoffe aber, daß mein Kind Ihnen beweisen wird, daß sie ihre Hilfe verdient.
Meine Lotte ist 15 Jahre und sehr groß für ihr Alter. Sie besuchte nach vier Klassen Volksschule ein Realgymnasium für weitere vier Jahre. Danach ging sie für ein Jahr in eine Sprachschule. Dort erweiterte sie ihre Kenntnisse in Englisch und Französisch. Sie ist ein lieber und guter Kerl.
Ich kann Sie versichern, daß sie Ihnen viel Freude bereiten wird. Wir lebten in guten Verhältnissen und Lotte genoss eine sehr gute Kinderstube. Es ist für mich sehr schwer, mein Kind allein in die Fremde zu schicken. Aber unter solchen Umständen muss das Mutterherz schweigen.
Ich hoffe, daß sich meine Lotte bei Ihnen glücklich fühlen und die traurigen Stunden des letzten Jahres vergessen wird.
Meine Lotte fährt, so Gott will, am Samstag, dem 25. Februar um 8 Uhr abends von Wien weg und trifft am Montag, dem 27. Februar um 6 Uhr 30 in Stockholm ein.
Liebe Frau Herschan, ich bitte Sie innigst, meiner Tochter mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, weil sie noch nie vom Elternhaus fern war.
Nochmals vielen Dank dafür, weil sie meiner Tochter geholfen haben, Deutschland zu verlassen.
Mit den besten Grüßen
Ihre Judith Feuchtbaum“
Man kann sich vorstellen, wie viele Tausende Mütter solche Briefe schreiben mussten.
Zurück nach Schweden. Ich kam nun also in Schweden in einer kleinen Stadt von etwa 9.000 Einwohnern zu einer sehr guten und lieben Familie. Ich bin heute noch mit meiner Pflegemutter in Verbindung, mein Pflegevater ist bereits gestorben. Ich habe zwei Pflegeschwestern und einen Pflegebruder, mit denen ich mich sehr verbunden fühle. Mein eigener Bruder lebt in England. Wir haben uns in den vergangenen 60 Jahren leider sehr selten gesehen. Ich war ein paar Mal in England. Mein Bruder war einmal bei uns hier. Er ist Fotograf geworden, ist verwitwet und hat einen Sohn.
Die Jahre in Schweden waren gute Jahre, und sobald ich dort war, versuchte ich meinen Eltern zu helfen. Leider brach dann ja bald der Krieg aus. Der Plan meiner Eltern war, daß sie versuchen würden nach England zu gehen, wo wir uns treffen sollten, um miteinander nach Australien zu gehen. Aber als 1939 der Krieg begann, war dieser Plan nicht mehr durchzuführen, weil meine Eltern für England durch ihre deutsche Staatsbürgerschaft zu feindlichen Ausländern geworden waren. Meine Pflegeeltern und ich versuchten vergebens monatelang für sie ein Visum nach Schweden zu bekommen. Sie berichteten in ihren Briefen von den Transporten nach Polen, von den Leiden der Juden in Deutschland, und sie konnten nicht verstehen, daß ich ihnen in Freiheit lebend in Schweden nicht helfen konnte. Erst im November 1941 bekam ich das Visum für meine Eltern, das wir sofort telegrafisch nach Wien sandten. Ich kannte damals schon den Mann, den ich 1945 heiratete, und wir gingen jeden Tag in die Stadt, wo der Autobus vom Flugplatz ankam, um nach meinen Eltern zu sehen. Wir versuchten Menschen zu finden, die aus Wien dort ankamen, aber wir fanden kaum jemanden. Und dann fand ich endlich eine Frau, der ich meine Sorge mitteilte. Sie sagte mir, als ich ihr das Alter meiner Eltern – meine Mutter war damals 50 und mein Vater 51 – daß in Deutschland ein neues Gesetz erlassen wurde, das Juden unter 60 das Verlassen des Landes verbot. Wir dachten nicht richtig zu hören; nachdem wir uns zwei Jahre bemüht hatten, war nun alles vergebens. Wie ich nach dem Krieg vom Roten Kreuz erfuhr, wurden meine Eltern am 23. November 1941 nach Kowno deportiert, wo sie am 29. November ermordet wurden.
1949 entschlossen sich mein Mann und ich nach Amerika auszuwandern, um unseren Kindern ein Leben in Freiheit garantieren zu können.
Solange ich lebe, werde ich an meine armen Eltern denken, sie werden dadurch bei mir sein.
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Meine Jugend, die ich in den Dreißigerjahren im 3. Bezirk verbrachte und Gedanken zur Versöhnung
Ich finde es wäre vielleicht am interessantesten über einzelne Erfahrungen zu sprechen, die teilweise zur Entwicklung meines Charakters, meiner Werte, Meinungen und Einstellungen beigetragen haben, aber auch die Atmosphäre meiner Umgebung in Wien andeuten. Über mein tägliches Leben in dieser Zeit will ich schweigen, denn es ist sehr ähnlich dem, das andere meiner Generation geführt haben, und ich nehme an, daß man darüber ziemlich gut unterrichtet ist.
Also, ganz kurz einige persönliche Daten. Ich heiße Peter Waldmann, 1921 geboren bis Ende 1938 wohnhaft in der Paracelsiusgasse. Die Familie gehörte dem jüdischen Mittelstand an, war stark assimiliert und nicht religiös. Trotzdem habe ich vor allem von zu Hause jüdische Werte und Gefühle der Zugehörigkeit vermittelt bekommen, deren ich mir mit zunehmendem Alter immer stärker bewusst werde. Meine Schwester, die sechs Jahre jünger war und ich lebten mit unserer Mutter und Großmutter, denn mein Vater schied 1928 aus dem Leben. Wir waren also seit früher Jugend Halbwaisen. Ich besuchte das Gymnasium in der Kundmanngasse von 1931 bis 1938, als ich mit allen anderen jüdischen Mitschülern am 28. April in den 2. Bezirk umgeschult wurde. Meine Jugend und meine Heimatzugehörigkeit kam zu einem plötzlichen Ende im Dezember 1938, als ich mit siebenhundert anderen Flüchtlingen meine illegale Reise nach Palästina begann. Nach zweijähriger Umschulung und Arbeit und sechs Jahren freiwilligem Dienst beim englischen Militär ließ ich mich 1947 endlich in England nieder, wo ich heute noch lebe. Kurz nach Kriegsende hatte ich die Nachricht vom Roten Kreuz erhalten, daß elf meiner Familienangehörigen 1942 in Jugoslawien und Polen ermordet wurden. Mit 26 Jahren musste ich also neu anfangen, mein Leben auf dem, was mir mein Zuhause und die Schule mitgegeben haben, aufzubauen. Es ist wohl bekannt, daß wir hauptsächlich von der Umgebung, dem Zuhause und der Schule geprägt werden. Wahrscheinlich weil es Stätten sind, wo wir unsere Vorbilder finden und unsere Belohnungen und Bestrafungen empfangen, unsere Ermutigungen und Entmutigungen erfahren, und wo zumindest die Richtung und Stärke unserer Charakterzüge mitbestimmt werden, ganz abgesehen von den genetischen Bestimmungen. Nun will ich über einige Episoden meiner Jugend erzählen, die mir ganz lebendig vor Augen stehen. Daher waren sie und sind sie noch immer für mich im Sinne des obigen Rahmens von besonderer Bedeutung.
Da war zuerst die Gruppe, die aus sechs bis zehn gleichaltrigen Burschen und Mädchen bestand, die sich fast an jedem Spätnachmittag für ein bis zwei Stunden an einem bestimmten Ort trafen. Unser Stammplatz war der Rudolf-von-Alt-Platz. Im Sommer gingen wir oft von dort in den Prater Fußball spielen auf der ….wiese oder um dort bloß herumzuspazieren. Im Winter gingen wir hie und da ins Löwen-Kino oder rodeln oder schwimmen ins Dianabad. Oft saßen wir bloß am Rudolf-von-Alt-Platz herum und unterhielten uns über die Lehrer, die Eltern, die Nachbarn und über andere Menschen, Dinge und Erfahrungen, die für uns von Bedeutung waren. Ich glaube, daß diese Gruppenzugehörigkeit speziell bei der jüdischen Mittelstandsjugend populär war; es war halt unsere Weise Sicherheit und Geborgenheit zu suchen in einem Alter, in dem sich ja die meisten Jugendlichen nach ihrer eigenen Gesellschaft sehnen. Ich sehe die Szene vor mir: Der Rudolf-von-Alt-Platz, ein ruhiger, abgeschlossener, friedlicher Fleck, wo kein einziges Auto uns störte oder im Weg war. Da waren diese strammen, hohen Bäume und darunter die Bankerln, die uns Intimität und Komfort boten.
Daneben gab es die regelmäßigen Besuche in der Oper und in der Burg. In der Schule konnte man zwar Abonnementkarten kaufen, aber die gab es nur für Sitzplätze. Ein paar Schulkollegen und ich zogen aber Stehplätze auf „der Vierten“ vor. Erstens waren sie billiger und zweitens bot jedes Anstellen vollkommen gratis die Spannung und den Reiz des Rituells des ganzen Vorganges vom Anstellen bis zur Eroberung eines der wenigen Plätze an der Stange, also einen Stehplatz zentral in der ersten Reihe auf der vierten Galerie. Und an diesem Wettrennen die unzähligen Stufen hinauf teilzunehmen, war zumindest so wichtig wie die Vorstellung selbst. Ein Trick, den man beherrschen musste, war, sich den Mantel auszuziehen während man keuchend hinauf rannte, denn man musste der erste bei einer der wenigen Garderoberinnen sein, um überhaupt einen Platz an der Stange zu bekommen. Ich gehe in die Oper, um zu hören, zu sehen war nebensächlich, daher hatte ich immer die Partitur bei mir. Dann gab ich zumeist meinen hart errungenen Platz an ein hübsches Mädel ab und zog mich auf ein paar hintere Stufen zurück, wo es ein Notlicht gab. Dort konnte ich dann auch sitzen und die Partitur lesen.
Ich glaube, daß ich ungefähr sechs Jahre war, als mich meine Mutter zur „Puppenfee“ zum erstenmal in die Oper brachte. Nachher hörte ich als erste richtige Oper „Aida“. Von da ab bis zur Zeit, als man sich als Jude nicht mehr im Dunkel auf die Straße wagte, hatte ich Erlebnisse in der Oper und in der Burg, die heute ebenso wie damals zu meinen persönlichen Schätzen gehören.
Ab 1934/35 war ich ein begeisterter Pfadfinder; zu dieser Zeit gab es zwei Pfadfinderorganisationen: Die eine war die katholische, die sehr eng mit der Kirche verbunden war, die andere war mehr weltlich ausgerichtet, und hier gab es zwei oder drei Kolonnen, die fast nur jüdische Mitglieder hatten. Ich war Turnführer in der Gruppe 69, die der 12. Kolonne angehörte. Unser Heim war in der Neulinggasse, wo wir uns einmal pro Woche zum Heimabend trafen. Mir gefiel alles bei den Pfadfindern: die Disziplin, die Pfadfindergesetze und die Grundidee, nämlich meinen Mitmenschen zu dienen, die Bedeutung des Pfadfindergrußes, nämlich der Starke beschützt den Schwachen, die Ausflüge und die Lager, das Marschieren und die Pfadfinderlieder. Wie schön klang zum Beispiel „Kameraden, fremde Welten …“. Und wie änderte sich die Bedeutung dieses Liedes, nachdem die HJ (Anm.: Hitlerjugend) es übernommen hatte.
Mir gefielen die Kameradschaft und die verschiedenen Spezialfächer wie Erste Hilfe, Knoten, Kochen usw. für die man Fähigkeitesabzeichen nach Prüfungen bekommen konnte. Aber am schönsten und eindruckvollsten war für mich die Atmosphäre des Lagerfeuers. Ja, das waren Zeiten!
Die Pfadfinder waren in Wien sehr populär, jeden Sonntag konnte man Gruppen herummarschieren sehen, und im Wienerwald gab es viele Tages- oder Wochenendlager. Das Vollbringen von guten Taten war eine wichtige Verpflichtung. Ich war stolz auf die Initiativen, die ich mit meiner Patrouille unternahm wie zum Beispiel eine Kohlenaktion; sie bestand darin Brennmaterial von Kohlenhändlern Brennmaterial zu erbetteln und dieses dann an arme Menschen, meistens alleinstehende ältere Damen, zu verteilen. Leider hatte diese Aktion nur ein sehr kurzes Leben. Wir hatten damit im Winter 1937/38, also kurz vor dem sogenannten Anschluss, begonnen, und schon im März war das Ende der Pfadfinderbewegung gekommen.
Ich bin davon überzeugt, daß die Grundgedanken des Pfadfindertums auf mich einen dauernden Eindruck machten. Nicht nur war es eine meiner ersten Taten in Palästina, eine aus jungen österreichischen Juden bestehende Pfadfindergruppe zu gründen, mein Wissen um die verschiedenen Lagerspirits halfen mir, meine frühe Militärzeit gut zu überstehen, und ich war begeistert vom Traum des Baden-Powell von einer Erziehung, die zur Bildung einer gesunden und fähigen Jugend führen sollte. Die Verwirklichung dieses Traums ist heute noch dringender als damals. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, ein integriertes Schul- und Pfadfindersystem zu entwickeln und auszuprobieren, ob es nicht möglich wäre, auf diese Weise sowohl eine Berufsausbildung für das spätere Leben der jungen Menschen als auch deren Erziehung zum aktiven, hilfsbereiten Staatsbürger zu kombinieren.
Die Gruppe, die Kunst und die Pfadfinder waren also einige der eindruckvollsten Erfahrungen meiner Jugend. Meine Erfahrungen innerhalb der Familie waren geprägt von der Abwesenheit meines Vaters, von den jahrelangen seelischen Qualen meiner Mutter um den Verlust ihres Mannes, von den finanziellen Schwierigkeiten und der führenden Rolle der beiden Frauen in der Familie – meiner Mutter und meiner Großmutter), die mein Heranwachsen zu bestimmen versuchten.
Ein kleines Beispiel: Ich hatte nie reguläres Taschengeld. Nach dem Tod meines Vaters gab es daheim das strenge Gesetz „Wir können uns keinen Luxus leisten, und Geld gibt es nur für unbedingt notwendige Sachen“.
Nun, Ecke Geusaugasse und Geologengasse gab es ein Papiergeschäft, wo es Papiertelefone zu kaufen gab. Diese sogenannten Telefone bestanden aus zwei kleinen Pappendeckelscheiben, die an den Enden einer zwei bis drei Meter langen Schnur angebracht waren. Ein solches Telefon kostete ein paar Groschen. Am Weg zur Schule kaufte ich eines, weil ich gerade ein bisserl Geld in der Tasche hatte. Ich ging nämlich oft zu Fuß, wenn ich mit der Elektrischen hätte fahren sollen, wodurch ich einige Groschen sparte.
Als meine Mutter das Ding sah, zwang sie mich, es zurückzugeben, weil der Kauf in ihren Augen eine völlig unnötige Ausgabe bedeutete. Ich glaube, daß diese und andere derartige Erfahrungen mir den Wert des Sparens und der finanziellen Unabhängigkeit beigebracht haben.
In meiner früheren Jugend zwischen meinem neunten und dreizehnten Lebensjahr bin ich einmal in der Woche mit meiner Großmutter meine Urgroßmutter besuchen gegangen, die in der Czerningasse wohnte. Wir gingen immer zu Fuß entlang der Weißgerber Lände, über die Franzensbrücke, dann links die Untere Donaustraße entlang zum Czerninplatz. Dort saßen wir dann unter den Bäumen bei der Czerninpassage und verbrachten ein paar Stunden mit Urgroßmütterchen. Es wurde von mir als selbstverständlich gesehen, daß ich diese und andere regelmäßige Verpflichtungen als obligatorisch betrachtete. Ich glaube, ich habe dadurch gelernt, Pflichtsituationen, die zumeist langweilig sind, dennoch zu ertragen eher als zu vermeiden, indem ich versuche, etwas Interessantes oder Erfreuliches an der Situation zu entdecken. Meine Besuche am Czerninplatz ermöglichten es mir, mein Triton, eine Art Skateboard mit einer senkrechten Steuerstange, auf längeren Strecken zu benützen und auch gelegentlich mit der Preßburger Bahn um die Wette zu fahren, die ja damals entlang der Lände fuhr.
Da meine Zeugnisse in den oberen Gymnasialklassen immer schlechter wurden, teilweise, weil verschiedene Mädchen meine Zeit immer mehr in Anspruch nahmen, bekam ich einen Hilfslehrer, der mit mir lateinische und griechische Hausaufgaben machte. Hans, Maturajahrgang 1936, wurde mein bester Freund. Zwar wurden meine Noten nicht besser, jedoch lehrte er mich, Musik zu hören, zu verstehen und zu lieben. Leider starb er kurz nach seinem Militärdienst in Russland.
Nun komme ich zur dritten einflussreichen Umgebung meiner Jugend, die Schule, wo man schließlich jahrelang ein Drittel seines Wachseins verbringt. Damals war für mich die Schule keine bedeutende Umgebung. Viele Gegenstände lagen mir nicht, andere waren für mich nur schwer zu bewältigen, und mit den meisten Lehrern hatte ich wenig oder überhaupt keinen Kontakt. Aber einige meiner Lehrer verehrte und bewunderte ich, sie waren beinahe Vaterersatzfiguren für mich. Wahrscheinlich hatten sie Eigenschaften, die ich in mir selbst fühlte. Wenn ich jedoch heute zurückdenke, und meine Schulzeit neu beurteile, dann erscheint sie mir gerade wegen dieser verehrten Lehrer nicht nur als eine wichtige sondern die wichtigste Umgebung, die zu meinem Lernen im und vom Leben beigetragen hat. Denn die Schule und meine Lebenserfahrungen haben mir zur Einsicht verholfen, daß ich mich ständig bemühen muss, humanistisch zu denken, empathetisch zu fühlen und dadurch humanes Handeln zu schaffen. In diesem Sinn sind schlechte Noten, langweilige Gegenstände und einige unbedeutende Lehrer vollkommen belanglos. Der wichtigste Einfluss auf mich, den ich erst jetzt erkenne, war das Schulklima, das von diesen wenigen wertvollen Lehrern bestimmt wurde.
Und so möchte ich diesen Bericht dem Andenken dieser Lehrer widmen: Danke Mucki Baum - Deutsch, Floch - Geschichte und Griechisch, Fritsch - Naturgeschichte und vor allem Professor Petschinka – Latein und Klassenvorstand.
Und alle diese Jahre hatte ich eigentlich niemals den Antisemitismus am eigenen Körper verspürt oder richtiger gesagt, es fiel mir nicht schwer, Zeichen desselben zu ignorieren, bis schließlich im 1938 durch zwei Erfahrungen alles in mir zusammenbrach. Mein geliebter Professor Petschinka wurde als alter illegaler Nationalsozialist von den Nazis als leitender Beamter im Stadtschulrat ernannt: Mein Vorbild – ein Nazi!
Aber der Schmerz war direkter, grausamer und verwüstender, als wir am Ende des Tages unserer Ausschulung vor dem Schuleingang gezwungen wurden, durch ein Spalier unserer brüllenden, spuckenden und stoßenden Mitschüler zu gehen. Wir wussten ja Bescheid über die kleine Gruppe von Nazis in unserer Klasse, und die waren natürlich die Rädelsführer beim Brüllen, Spucken und Stoßen. Aber daß die Mehrzahl von anständigen Christen, viele mit uns befreundet, da mitmachten, das war unbegreiflich! Viel später wurde es mir bewusst, daß diese Art Erniedrigung für viele von uns die erste Station zur Vergasung war.
Ich möchte mit einem Gedanken schließen, der sich auf die Gegenwart und die Zukunft bezieht. Sobald ich vom Schicksal meiner Familie erfuhr und mir die persönliche und globale Bedeutung dieses Geschehens bewusst wurde, beschloss ich zu versuchen, alle meine Erinnerungen, Kontakte und kulturelle Abstammung zu verleugnen und zu verdrängen. Ich wollte meine Vergangenheit vergessen und damit auch das Schuldgefühl, meine Familie im Stich gelassen zu haben, um meine eigene Haut zu retten. Und so habe ich auch tatsächlich versucht, jeden Kontakt mit der Welt meiner Jugend zu vermeiden. Vor einigen Jahren kam ich jedoch zur Einsicht, daß dieses Verdrängen von Erlebnissen, Gefühlen, des kulturellen Gutes und der Zugehörigkeit eigentlich unmöglich ist. Noch ärger: Ich fühlte immer mehr, daß dieses Verhalten zu einer Art kulturellen Selbstverarmung führt, denn die Integration einer neuen Kultur des Gastlandes, ihre schließliche Fruchtbarkeit und Echtheit hängt vom kulturellen Boden im Empfänger ab. Ich war im Begriff, diesen Boden in eine Wüste zu verwandeln. Ich nehme also an, daß eine zweite, später im Leben erworbene Kultur sich nur dann in uns zufriedenstellend entwickelt, wenn sie sich mit der ursprünglichen verbinden und sich beide gegenseitig befruchten können. Ich sehe eine Situation, die uns beide, Juden ebenso wie Christen, aus völlig verschiedenen Gründen betrifft. Eure Vorfahren versuchen die Vergangenheit zu verdrängen, um sich ihrer Schuldgefühle zu entziehen. Wir wollen auch unsere Schuld loswerden, obzwar sie einen ganz anderen Ursprung hat. Ein zweiter Grund der Verdrängung hat mit der Opferrolle zu tun. Es ist notwendig, daß ihr weiter daran glaubt, daß Österreich ein Opfer des Nationalsozialismus, des Anschlusses und des Krieges war. Daß wir Opfer waren, werden die meisten von euch nicht bezweifeln. Aber wir wollen uns nicht ständig als Opfer sehen, nicht wir, die in der Diaspora leben und schon gar nicht die, die in Israel leben. Eine Frage an uns und an euch: Glaubt ihr, daß wir zur Verhinderung künftiger Holocausts beitragen können, wenn wir unsere tatsächliche Rolle in dieser Tragödie akzeptieren? Seien es Mittäter, Mitläufer, Mitwisser, Held, Feigling oder Opfer. Beide von uns schuldbewusst, verletzt und verarmt. Und wäre es dann möglich, positive und praktische Lehren aus unserer Vergangenheit für kommende Generationen zu ziehen? Denn ich glaube, wenn das Erinnern nicht zum Handeln führt, dann ist es bloß eine feige Ausrede nichts zu tun. Ich wünsche euch allen viel Glück auf eurer Reise durchs Leben.
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